Fünf Gesprächsfallen

 

Wir sind keine Psychotherapeuten. Wir versteigen uns nicht in Problemfeldern und Krankheitsbildern der menschlichen Seele. Dafür gibt es Fachleute. Denn wir müssen schon nach einigen Minuten weiter zum Singen. Aber unsere Worte, unsere Haltung, unser Blick signalisieren den Studierenden: „Ich nehme auf, was du sagst. Ich sehe, was dein Körper sagt. Ich höre, was in deiner Stimme mitschwingt.“ Hier kommt es zu beglückenden Momenten: wenn uns Studierende schon nach zehn Minuten spiegeln, dass Ihnen heute diese Übung besonders hilft. Wenn wir ein treffendes Musikstück vorschlagen. Wenn wir in der Lied-Interpretation eine Bedeutungsebene erschließen, die auch eine Deutungshilfe eigener Erlebnisse darstellt.

 

Das alles klingt in gewisser Weise selbstverständlich. Viele würden sagen: „Klar, ich nehme meine Studierenden wahr. Ich kann gut zuhören, die Schüler vertrauen mir alles Mögliche an.“ Manche unter uns sind in diesem Bereich in der Tat Naturtalente, manche haben bei ihren einstigen eigenen Lehrerinnen und Lehrern emotionale Resonanz erfahren und können diese Atmosphäre auch in ihren eigenen Unterrichten schaffen. Viele Musikerzieher tappen in diesem Bereich jedoch im Dunkeln. In der Praxis ist es eine enorme Herausforderung, jede Stunde aktiv zu leiten und zu einem Gewinn für den sängerischen Fortschritt aber auch für die Persönlichkeitsbildung der Studierenden zu machen. Denn es gibt in den Gesprächen zahlreiche Fallen, in die man immer wieder zu geraten droht. (Zur vertiefenden Lektüre empfehle ich das Buch „Professionelle Gesprächsführung“, s.u.). Fünf dieser Fallen seien hier genannt: 

 

Falle Nummer eins: Die Stunde vergeht durch zu viel Small-Talk, Tratsch und Gerede. Wir können uns zwar auf den Standpunkt stellen, wir wurden ja bezahlt, und wenn es der Schülerin gut tat, einfach nur zu reden – auch gut. In manchen seltenen Fällen mag das okay sein, z.B. in einer von zwanzig Stunden. In der Regel sind die Schüler aber langfristig enttäuscht und kommen nicht auf ihre Kosten, wenn für sie schmerzlich kostspielige Unterrichtszeiten auf ein nettes Geplänkel hinausliefen. Viele haben kein Zeitgefühl, während sie in dieser für sie oft aufregenden Situation sind, vor jemand anderem zu singen. Manche reden und reden vor lauter Aufregung. Wir haben viel mehr Erfahrung, wie lange eine Unterrichtseinheit dauert und wie sich das Zeitverstreichen darin anfühlt. Wir müssen lenken, steuern, achtsam bremsen und behutsam beschleunigen. Das wird uns am Ende hoch angerechnet, wenn wir mit der kostbaren Zeit zielsicher umgegangen sind und sogar schon zehn Minuten vor Schluss der Stunde wertvolle Impulse anbringen konnten.

 

Falle Nummer zwei: Wir erzählen drauf los – von uns. Beispiele aus dem eigenen Leben sind zuweilen anschaulich, hinken aber auch oft. Die Studierenden haben das Recht, von uns gehört zu werden – sie müssen nicht über sich ergehen lassen, was wir schon immer mal loswerden wollten. Haben Sie sich in diesem Bereich im Griff? Sind Studierende willkommene Plauderpartner, weil einem andere sonst nicht so willig zuhören, wenn das Nähkästchen geöffnet wird? Viele Studierende sind in dem Autoritätsgefälle des Einzelunterrichts nicht selbstbewusst genug, zu sagen: „Stopp, das interessiert mich nicht, ich will jetzt singen.“ Wer Körpersprache zu lesen gelernt hat, bemerkt sofort, wenn sich das Gegenüber anfängt zu langweilen. Das ist die große Chance des Einzelunterrichts: Während man vor einer großen Gruppe nie das Interesse aller zu hundert Prozent treffen kann, kann man bei einer Einzelstunde sein Reden zu hundert Prozent auf die Aufnahmefähigkeit der vor einem stehenden Person ausrichten. Sagen die Augen: „Weiter bitte, ich will jetzt was anderes machen“, können wir sofort reagieren. Vorausgesetzt, wir nehmen die Schüler umfassend wahr.

 

Falle Nummer drei: Ein Schüler äußert eine sehr persönliche Sache – und wir steigen ungefiltert und unreflektiert darauf ein. Durch unsere allgemeine überdurchschnittliche Erfahrung mit Menschen und unsere Redekompetenz über seelische Zustände würde uns bestimmt auch vieles zu allen möglichen Themen einfallen. Aber manche Leute geben notorisch mehr von sich Preis, als sie eigentlich wollen und als der Situation angemessen wäre. Hier müssen wir die Ruder in die Hand nehmen und das Boot der kurzen Gesangsstunde wieder aufs Ziel ausrichten. Denn der Schüler muss schon in kurzer Zeit diesen Raum wieder einem anderen frei machen. Also geben wir ein kurzes wertschätzendes und verstehendes Feedback zu seiner Schilderung. Und dann üben und singen wir und füllen seine geschundene Seele mit Liedern, die ihn diesen Raum voller Zuversicht und neuer Lebenskraft verlassen lassen werden. Nicht als Hobby-Psychologie agieren! Dafür braucht es ganz andere professionelle Tools, die wir als Gesanglehrerinnen und -lehrer (in der Regel) nicht haben. Wir können es nicht zu Ende führen und wir können die Verantwortung nicht übernehmen. „Schuster, bleib bei deinen Leisten!“ 

 

Falle Nummer vier: Das Wesentliche überhören. Natürlich brauchen wir auf der anderen Seite auch wieder kurze Gesprächseinheiten, in denen wir als Coach für die Persönlichkeits- und ggf. Karriereentwicklung unserer Schülerinnen und Schüler agieren. Einerseits: Hände weg von Krankheitsbildern! Andererseits: Hands on, wenn es um Blockaden und Stolpersteine beim Singen oder bei der künstlerischen Weiterentwicklung geht! Oft erkennen Studierende diese nicht vollumfänglich, wir können sie aber zwischen den Zeilen lesen. Hier einfach zur Tagesordnung überzugehen, wäre wie eine Wiese mähen zu wollen, ohne vorher die Sense zu schleifen. Nehmen Sie sich Zeit, zu hören und zu verstehen, was Ihren Schülerinnen und Schülern Mühe macht. Fühlen Sie sich nicht angegriffen, wenn dabei auch Ihre Art zu unterrichten oder gar Ihre Art als Mensch in Frage gestellt wird. Sehen Sie solche Momente als seltene Chance an, ein ehrliches Feedback zu bekommen und besser zu verstehen, wie das, was man täglich so von sich gibt, bei anderen ankommen kann. Durch nichts können wir nach Abschluss des eigenen Studiums so viel dazu lernen wie durch unsere Studierenden. Lassen wir ihre Kritik an uns heran. Wir können dadurch nur weiser und besser werden.

 

Falle Nummer fünf: Verzagtheit. Manche Menschen brauchen von uns einen „Tritt in den Hintern“, um weiter zu kommen. So, wie Sie in der Umsetzung von Punkt vier die Infragestellung durch Schülerinnen und Schüler zugelassen haben und davon profitierten, so profitieren ihre Schüler von klaren Ansagen und Herausforderungen von Ihnen. Oft sind Privatlehrer die Einzigen, die außerhalb von sonstigen Hierarchien in Familie, Schule, Studium und Beruf einmal Tacheles reden können und dabei Aussicht auf Veränderung haben. Welch ein Vorrecht, dass wir Impulse zur künstlerischen und persönlichen Entwicklung besteuern dürfen und dabei angehört werden. Das wöchentliche oder vierzehntägliche „Lesen“ einer Person verschafft Ihnen die sonst seltene Gelegenheit, jemanden mehr und mehr zu sehen, zu verstehen und ggf. Chancen und Gefahren auf dem Weg der Weiterentwicklung zu sehen, die sonst niemand wahrnimmt. Pflanzen Sie mutig Selbstbewusstsein, Zuversicht und Hoffnung in die Ihnen Anvertrauten. Viele haben früher zu hören bekommen, sie könnten nicht singen und würden es auch in anderen Bereichen nie zu etwas bringen. Säen Sie gute Samen, die irgendwann aufgehen, und die ihre Studierenden jetzt schon mutiger, zielstrebiger, achtsamer im Umgang mit sich selbst und anderen machen. Bringen sie eingerostete Saiten wieder zum Klingen!

 

Die Aussicht und das Erlebnis, Menschen durch den Gesangsunterricht ganzheitlich weiter bringen zu können, kann uns als Pädagogen sogar selbst von dem Ausbrennen bewahren. Das Resonieren mit echten Menschen, das Loslassen eines falsch verstandenen künstlerischen Eifers, das Offenwerden für Veränderung und die eigene Weiterentwicklung: All das hält unseren eigenen „Flügel“ in Schwung und bewahrt dessen Saiten vor dem Einrosten. Denn das Weitergeben der Resonanz macht uns selbst nicht weniger schwungvoll, sondern multipliziert unsere Schwingung in unsere Zeit und Geschichte hinein. Und wer weiß, welchen Anstoß die von uns angestoßenen Resonanzen in dieser Welt noch geben werden. Zu unseren Lebzeiten und darüber hinaus. //

 

Literatur / Leseempfehlungen: 
Vera Kaltwasser: Persönlichkeit und Präsenz – Achtsamkeit im Lehrerberuf. Beltz, Weinheim und Basel 2010.
Christian-Rainer Weisbach, Petra Sonne-Neubacher: Professionelle Gesprächsführung – Ein praxisnahes Lese- und Übungsbuch. 9. überarbeitete und aktualisierte Auflage, dtv, München 2015.
Hartmut Rosa: Resonanz - Eine Soziologie der Weltbeziehung. Suhrkamp, Berlin 2016.

 

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