Achtsame Gesprächsführung einüben

 

Wenn Sie auf Dauer ein auskömmliches Stundenhonorar erzielen wollen, machen Sie es sich zum Grundsatz, jedem einzelnen Schüler entgegenzukommen und genau herauszufinden, wodurch sie ihn als ganze Person in Schwingung versetzen können. Einen niedrigen bis mittleren Preis können Gesangslehrer am Markt realisieren, die Übungen vorspielen und passable Repertoirearbeit leisten. Klienten sind aber bereit, mehr zu investieren, wenn sie darauf zählen können, dass ihr Glückshormonspiegel direkt nach der Gesangsstunde höher ist als zuvor, und dass ihr verstärkter Kontakt zu sich selbst und zur Welt der Kunst ihnen auch außerhalb des Unterrichts ein Resonanzfeld eröffnet, auf das sie jederzeit zurückkommen können. 

 

Juliane gibt eine Probestunde für Friederike. Beide sind ungefähr gleich alt. Juliane ist aufgeregt, weil Sie Respekt hat vor dem Niveau der Schülerin und hofft, dass ihre Expertise und ihr didaktisches Können ausreichen. So stürzt sie sich in die Anwendung ihrer üblichen Unterrichtsschritte und versucht, soviel wie möglich von dem zu zeigen, was sie drauf hat. Am Ende der Stunde ist Friederike durchaus überzeugt, dass Juliane viel kann. Es erschleicht sie aber das komische Gefühl, psychologisch gesehen eher eine Konkurrenz für die Lehrerin darzustellen, als sich bei ihr wirklich fallen lassen zu können.

 

Würde Juliane die Sehnsucht in den Schülern erspüren, von jemand wirklich gesehen und gehört zu werden, könnte sie Friederike überzeugen – auch mit halb so viel Stoff. Das Eigentliche, worauf sie sich ausrichten müsste, wäre zu erspüren, wo Friederike steht, und ihr durch ihre achtsame Gesprächsführung ein menschliches Resonanzerlebnis zu verschaffen. Diese Gesprächsführung besteht nicht in erster Linie aus Worten. Damit sind unser gesamter körpersprachlicher Ausdruck, die Aussage unserer Augen und unser Umgang mit der Zeit gemeint.

 

Um auf diesen Ebenen Kontakt und sogar Resonanz zu ermöglichen, brauchen wir zunächst ein Gespür für uns selbst. Wir dürfen nicht unbewussten Gefühlen ausgeliefert sein. Eine gute Gesangsstunde beginnt mit der Voraussetzung eines seiner selbst vollumfänglich bewussten Pädagogen. Dazu sollte man in der Einübungsphase kurze Pausen einplanen zwischen dem tatsächlichen Weggehen des vorangehenden Schülers und dem Beginn der nächsten Stunde. Also, vorangehende Stunde in der Endphase zehn Minuten vor Schluss so gut steuern, dass man nicht überzieht. Dabei eher drei Minuten vor Ende mit dem fachlichen Teil enden, sodass beim Einpacken keine Hektik entsteht und ein kurzer aber wertschätzender und ermutigender Small Talk möglich ist. Dann am besten den Raum verlassen, zum Beispiel, um ins Bad zu gehen.

Bevor man nun der nächsten Schülerin begegnet, braucht es ein kurzes In-Sich-Gehen: Die eigene Atmung wieder spüren, Gefühle aus der vorigen Stunde ablegen, nicht der verabschiedeten Person „hinterherdenken“. Im Moment sein, wieder bei sich ankommen (siehe die vielfältige Literatur über „Achtsamkeit“, z.B. „Persönlichkeit und Präsenz“, s.u.). Offen werden für einen neuen, ganz anderen Menschen. Einen Menschen mit einer völlig anderen Stimme, einem anderen Kenntnisstand, einer ggf. anderen Lebensphase, einem ggf. anderen Geschlecht, einer ganz anderen Stimmung. Aber auch wieder einer Person, die ein Resonanzerlebnis sucht, nicht nur musikalisch, sondern auch seelisch und menschlich.

 

Anerkennung ist für viele Singende ein nicht zu unterschätzendes Thema. Sich respektiert zu wissen ist die Voraussetzung dafür, dass sich Menschen für von innen kommende Veränderungen öffnen. Ich betrete also wieder den Unterrichtsraum. In den ersten Minuten, ja manchmal Sekunden, wird der nächste Schüler spüren, ob ich in dieser Stunde für ihn da sein werde und ihn dort abholen kann, wo er heute steht. Oder ob ich mein übliches Ding durchziehe. Ob ich weiß Gott wo bin mit meinen Gedanken: in der Vergangenheit, in der Zukunft, bei Themen, die nicht hierher gehören.

 

Kolleginnen und Kollegen, dafür werden wir bezahlt: dass wir Menschen unsere Aufmerksamkeit schenken, dass wir uns auf sie einstellen, hinhören und wahrnehmen, was sie heute in ihrer konkreten Verfassung brauchen. Das kostet möglicherweise die meiste Kraft und richtiges Durchhaltevermögen innerhalb einer Arbeitswoche. Wenn wir darin besser werden und uns daran jeden Arbeitstag neu erinnern, können wir uns einen Schülerstamm aufbauen, der zu uns passt, beachtenswerte Fortschritte macht, uns adäquat entlohnt und von Dauer ist.

 

Denn die Studierenden sehnen sich nach Resonanz. Durch uns können sie viele Impulse aus der Welt der Kunst und des Singens aufgreifen, die sie zum Mitschwingen mit diesen Welten anregen. Unsere Anbindung an die Welt der Kunst ist der Flügel, dessen restliche siebenundachtzig Saiten ihre einzelne achtundachtzigste Saite zum Mitschwingen bringen. Was für ein erhebendes Erlebnis, Anschluss an diese Welt zu finden! Und wenn ihre einzelne Saite von sich aus schwingt, drücken wir aufs Pedal und heben damit die Dämpfer von den anderen Saiten. Dann erleben die Studierenden, wie sie mit ihrem einzelnen Schwingen einen ganzen Klangkosmos zum Leben erwecken können.

 

„Ich nehme auf, was du sagst.

Ich sehe, was dein Körper sagt.

Ich höre, was in deiner Stimme mitschwingt.“

 

Sie äußern einen Impuls, und wir übertragen ihn hinein in unsere Welt der gedanklichen Fülle, der Begegnung mit Kunst und Kultur, der reichhaltigen Erfahrung mit Menschen, der Lebenskunst und Lebensweisheit. Wir haben nicht viel Zeit zu reden, denn Gesangsunterricht bedeutet Singen und Üben. Aber mit wenigen Worten, mit kurzen Sätzen bewegen wir Welten. Weil wir uns zuvor auf Achtsamkeit eingestellt haben. Weil wir hingehört haben. Weil wir mit unseren Augen Körpersprache gelesen haben. Weil wir die kurzen Schilderungen unserer Studierenden mit unserer Seele aufgenommen haben. > weiter

 

Ihre Formularnachricht wurde erfolgreich versendet.

Sie haben folgende Daten eingegeben:

Jetzt E-Mail-Adresse eintragen und Probestunde bei Cornelius Beck ausmachen:

Bitte korrigieren Sie Ihre Eingaben in den folgenden Feldern:
Beim Versenden des Formulars ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es später noch einmal.

Hinweis: Felder, die mit * bezeichnet sind, sind Pflichtfelder.

Ein Angebot von

Dipl.-Gesangspädagoge

Cornelius Beck
Zeppelinstraße 19

72119 Entringen

 

Sie erreichen mich unter 0157 / 36810993 (auch per SMS, WhatsApp oder Telegram) oder

 info@stimmbildung.co

Druckversion Druckversion | Sitemap
Impressum - © Cornelius Beck