Sehnsucht nach Resonanz*

 

Achtsame Gesprächsführung im Einzelunterricht

 

von Cornelius Beck

 

Gesangsunterricht kann für Schüler zur Insel im Alltag werden, in der sie näher bei sich selbst und stärker in Kontakt mit einer Materie sind als in der restlichen Zeit der Woche. Als Pädagogen können wir echte Resonanzerlebnisse ermöglichen. Wie wir uns selbst in Resonanz bringen und eine achtsame Gesprächsführung einüben können.

 

Teresa nimmt seit einem dreiviertel Jahr Gesangsunterricht bei Ludwig E. Sie bewundert seine sängerische Leistung, und ihre Gesangstechnik hat sich durch den Unterricht bei ihm schon etwas verbessert. Allerdings überlegt sie sich, einen neuen Lehrer zu suchen. Denn nach dem Unterricht hat sie oft das Gefühl, nicht richtig wahrgenommen worden zu sein. Es kommt ihr vor, als ob ihre Anstrengung, ihre Fortschritte und ihr Einsatz beim Interpretieren der Werke im leeren Raum verhallt sind. 

 

Ludwig E. kannte viele gesangstechnische Kniffe und vermittelte die musikalischen Anforderungen passabel. Reichte das nicht aus? War es nicht das, wofür Teresa ihn bezahlte? Ludwig E. gelang es offensichtlich nicht, Teresa zu einem Resonanzerlebnis zu verhelfen. Hätte er seine musikalische Kompetenz mit achtsamer Gesprächsführung kombiniert, wäre Teresa heute noch im Unterricht bei ihm. 

 

Das Prinzip der Resonanz kennen wir Musiker im physikalischen Sinne bestens. Zusätzlich ist vielen der psychologische Begriff „emotionale Resonanz“ geläufig. Der Jenaer Soziologieprofessor Hartmut Rosa hat den Begriff „Resonanz“ metaphorisch gedeutet für ein viel umfassenderes Erklärungsmodell des gelingenden menschlichen Lebens verwendet. Er beschreibt damit nicht weniger als den Zustand, in dem Menschen ihr Leben als sinnvoll empfinden, weil sie einen resonierenden Kontakt zu sich selbst und der Welt aufbauen und aufrecht erhalten können (siehe hierzu das 2016 erschienene Buch „Resonanz“ von Hartmut Rosa, s.u.).

 

Wenn wir uns selbst zum Schwingen bringen können, empfinden wir uns als lebendig. Wenn unsere Schwingungen von anderen aufgegriffen und multipliziert werden, empfinden wir Glück. Wenn wir die Schwingungen um uns herum aufgreifen können, uns also zum Beispiel von Impulsen aus der Welt der Kunst anregen lassen können, empfinden wir Sinn. Gegenbild ist eine eingerostete, starre Saite, in der sich nichts mehr bewegt. 

 

Viele von uns sehen beim Unterrichten täglich die Saiten eines Flügels vor sich. Das Zusammenspiel dieser einzelnen Saiten kann zur täglichen Erinnerung für uns werden, worauf wir jede einzelne Unterrichtsstunde immer wieder ausrichten sollten: Resonanz zwischen uns und der Materie, zwischen uns und den Schülern, zwischen den Schülern und ihrem eigenen Körper und Geist sowie zwischen den Schülern und der Materie.

 

Wie eine Saite die Schwingung der anderen aufgreift und verstärkt, so kann ein gutes Resonanzgespräch Gesangsschülern Flügel verleihen.

 

Im Bezug auf die Gesprächsführung im Einzelunterricht liefert dieses Modell ein wunderbares Paradigma: Ziel des Unterrichtsgesprächs ist es, in der Schülerin oder dem Schüler etwas zum Schwingen zu bringen. Gesangstechnisch und akustisch steht dieses Ziel ohnehin vor Augen: Die mit den Stimmlippen erzeugte Schwingung soll sich im ganzen Körper ausbreiten und am Ende ganze Konzertsäle zum Mitschwingen bringen, im wörtlichen und übertragenen Sinn. An dieser Stelle geht es aber nun darum, wie das Resonanzziel im metaphorischen Sinn in den Gesprächsanteilen des Gesangsunterrichts Gestalt gewinnen kann.

 

Drei Gesprächssituationen

 

Zu Beginn einer Gesangsstunde kommen – grob vereinfacht – drei unterschiedliche Situationen vor: In einem Fall kommen Studierende, in denen schon etwas schwingt und die von uns Pädagogen erwarten, diese Schwingung im kurzen Anfangsgespräch aufzugreifen. Stellen Sie sich das ruhig im physikalischen Bild vor: Fängt die Schülerin auf „220 Hertz“ an zu erzählen, hören Sie gut zu und versuchen Sie in Ihrer Entgegnung – im Bild gesprochen – Obertöne auf 440 oder 880 Hertz anzustimmen. Hören Sie noch mal hin, auf die leiseren Teiltöne, die reinen und die unreinen. Je besser Sie lauschen, desto treffender fällt Ihre Entgegnung aus.  

 

Im zweiten Fall ist eine Schülerin darauf aus, eine Schwingung von Ihnen aufzugreifen. Sind Sie an diesem Tag müde und uninspiriert, kommt die Stunde nur schwer in Fahrt. Blitzen jedoch ihre Augen und Sie können begeistert mit einem Thema einsteigen, saugt sie ihren Input auf wie ein trockener Schwamm. 

 

Im dritten und ungünstigsten Fall ist ein Schüler zu nichts zu bewegen und zu begeistern, keine Schwingung überträgt sich. Hier bietet sich eine Herausforderung für Ihre Gesprächskunst. Jetzt sind Sie dran, zu erspüren, was heute los ist, denn der Schüler hat Geld investiert und ist extra hergekommen. Er will in spätestens einer Stunde beseelt und mit einem Lied auf den Lippen wieder hier rausmarschieren. Es kostet Sie Ihre ganze Aufmerksamkeit und Kreativität, dieses Kunststück zu vollbringen. Richten Sie Ihren Blick auf den Menschen, der da vor Ihnen steht, und auf sein elementares Bedürfnis, wahrgenommen zu werden. Oft stehen die musikalische Exzellenz und die künstlerischen Ziele zu sehr im Vordergrund. > weiter

 

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* Dieser Artikel erschien in der Ausgabe 3/2016 "Vox Humana: Fachzeitschrift für Gesangspädagogik", 12. Jahrgang, ISSN 1861-065X, herausgegeben vom Bundesverband Deutscher Gesangspädagogen e.V. und EVTA-Austria Bund Österreichischer Gesangspädagogen

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