Anthropologische und künstlerische Aspekte

Vorgeburtliche und frühkindliche Sprachprägung

 

So wie ein Mensch nur ein biologisches Elternpaar hat, gibt es für ihn auch nur eine Kindheit und eine Prägungsphase, in der die wesentlichen Prägungen der Hör- und Sprechorgane gelegt werden (vgl. Gruhn 242) und in der sich der sprachliche Zugang zur Welt auslotet (vgl. Crystal 236-246). Urerfahrungen mit den Substanzen dessen, was eine Gesellschaft zu einer bestimmten Zeit bewegt, ereignen sich während der Kindheit zu einem erheblichen Teil über die akustische Wahrnehmung von Sprache, und zwar in den meisten Fällen der Muttersprache. Wann und wie sich diese Wahrnehmung entwickelt, soll hier kurz dargestellt werden. Bei den folgenden Überlegungen wird vorausgesetzt, dass es natürlich unzählige Menschen gibt, die von Geburt an von mehreren Sprachen geprägt wurden. Die vorliegende Arbeit beschränkt sich aber auf die Untersuchung der einsprachlichen Prägung, die im Gebiet der jetzigen BRD überwiegt (vgl. König 230).

 

Zum Zeitpunkt, wenn ein Kind selbst zu sprechen beginnt, hat es bereits vorgeburtlich mehrere Monate lang seine Muttersprache wahrgenommen. Schon am Ende des dritten Schwangerschaftsmonats ist die Körperoberfläche des Feten schmerz- und reizempfindlich (Zimmer 50), die Schneckenwindungen des Gehörs sind aber erst angelegt (Schumacher 20). Worte und Melodien, die von der Schwangeren und ihrer Umwelt in dieser Zeit verlautet werden, erreichen den Embryo auf indirekte Weise. Bjorkvold belegt, dass Klang den Fetus nicht nur über das Gehör erreicht, sondern dass er als Vibration vom Körper der Mutter und der Fruchtblase so übertragen wird, dass der Fetus ihn am ganzen Körper wahrnimmt. Verny und Eisenberg wiesen nach, dass Feten vom sechsten Monat an mit erhöhtem Puls auf Klang reagieren (Kovacs-Mazza 56). Zu Beginn des siebten Monats sind nach El-Nawab alle Hörstrukturen reif und wenig später reagiert der Fötus auf äußere Schallreize (Schumacher 22).

 

Das bloße Wahrnehmen und Hören von Klang alleine wäre allerdings noch kein Beweis für eine 6 muttersprachliche Prägung in dieser Zeit. Verny und De Casper belegen aber in einer umfangreichen Studie, dass Feten neurologisch spätestens vom achten Monat an in der Lage sind, Klang im Langzeitgedächtnis zu speichern. Von der 28. bis zur 32. Schwangerschaftswoche wächst das Stammhirn des Feten so schnell, dass sein Nervensystem fast identisch mit dem eines Neugeborenen ist (Kovacs-Mazza 56). De Casper und Spence fanden heraus, dass Neugeborene von ihrer Mutter lieber ein Gedicht vorgelesen bekamen, das sie schon vor der Geburt regelmäßig gehört hatten, als ein noch nie gehörtes. Eine ausführliche Untersuchung von Mehler u.a. zeigt, dass Neugeborene ihre Muttersprache erkennen, mit ihr vertraut sind und sie von anderen Sprachen unterscheiden können. Kovacs-Mazza führte eine Untersuchung mit ähnlichem Aufbau wie Mehler u.a. durch, verwendete aber Texte in verschiedenen Sprachen, die mit derselben Melodie vorgesungen wurden. Dabei konnte sie bei den Neugeborenen keine Unterscheidungsfähigkeit für Mutter- oder Fremdsprache feststellen (Kovacs-Mazza 56 - 59).

 

Säuglinge zeigen unterschiedliche Reaktionen, wenn sie ein und denselben Satz mit unterschiedlicher Satzmelodie und Betonung vorgesprochen bekommen. Reagiert ein Säugling auf derartige Unterschiede überhaupt nicht, so wird man annehmen, dass eine Gehördysfunktion, eine Form von Autismus oder eine Behinderung vorliegt. Dass verschiedensprachliche Phrasen keine unterschiedliche Reaktion hervorrufen, wenn sie auf ein und derselben Melodie gesungen werden, legt nahe, dass ein Kind im Mutterleib und im Säuglingsalter von der Sprache hauptsächlich Melodie und Prosodie aufnimmt. Die emotionale, kognitive und physiologische Verwurzelung in einer Sprache geschieht also zuerst über den Klang und die Prosodie einer Sprache, erst später folgt die kognitiv semantische Ebene. Ein erfolgreicher Spracherwerb muss nach Pinker (1996) und Gruhn während eines kritischen Zeitraumes in der Kindheit stattfinden. Selten werden neue Sprachen in fortgeschrittenem Alter noch einmal über diese musikalisch klangliche Ebene erworben. Meistens beherrschen schon ab dem achten Lebensjahr Schriftlichkeit und kognitiv ausgerichtete Lernmethoden das Feld (vgl. Gruhn 132+133).

 

In der Fremdsprache singen

 

Für den Sänger bedeutet dies, dass ihm Sprachen, mit denen er nicht von Kindheit auf ‚verwachsen’ ist, im Regelfall nicht die gleichen Möglichkeiten bieten wie seine Muttersprache. Denn er hat die Fremdsprache im Bild gesprochen mit der linken Gehirnhälfte aufgenommen, die Muttersprache aber vor allem mit der rechten (vgl. Crystal 259). Bildung, Fleiß und kognitive Intelligenz bahnten ihm den Weg zur Fremdsprache - Urerfahrungen verankern ihn in seiner Muttersprache. Sein Singen wird von diesen Urerfahrungen nachhaltig geprägt sein. In der Fremdsprache kann er sie aber nur bedingt einbringen.

 

Aufmerksame Zuhörer und Zuschauer spüren oft, inwieweit sich die Identität eines Sängers mit dem deckt, was er singt, ob ein Widerspruch oder Konflikt oder einfach eine große Distanz zwischen Persönlichkeit und Musikvortrag liegt. Selbst wenn ein Publikum einen Gesangsvortrag weder musikalisch noch psychologisch tief gehend beurteilen kann, wird es beim Zuhören doch intuitiv entweder Unbehagen oder Freude, Abscheu oder Bewunderung, Langeweile oder Interesse empfinden. Es wird den menschlichen Anteil der Aufführung auf irgendeine Weise beurteilen. Das heißt nicht, dass Zuhörer generell immer daran interessiert wären, besonders viel nahe und direkte menschliche Ausdruckskraft vorzufinden (vgl. Kaden 221). Im Gegenteil: Ein Sänger, der seine Person hinter Klischees und Plattitüden versteckt, wird von vielen Hörern bevorzugt. Nicht jeder will in einem Konzert oder beim Abspielen von Musikkonserven mit ursprünglichem und echtem menschlichen Ausdruck konfrontiert werden. Dies würde ihn unter Umständen näher an sich selbst heranführen, als ihm lieb wäre.

 

Hier liegt ein Grund für den Erfolg des Schlagers (vgl. Flender/Rauhe 154) und nach Meinung des Autors auch für den Erfolg fremdsprachlicher Musik im deutschsprachigen Raum. Denn wer in der Fremdsprache singt, kopiert häufig Wortbetonung und Sprachgestaltung von prägenden Vorbildern aus der jeweiligen Sprachlandschaft. Diese Vorbilder haben, wenn sie gut waren, mit der originären Ausgestaltung ihrer Muttersprache viel über sich, ihre Identität und ihre Urerfahrungen mit Klang, Wort, Sinn und Symbol ausgesagt. Derjenige, der dies kopiert, sagt über sich gar nichts aus - allenfalls, dass er den Symbolgehalt von Wortbetonungen und Lautmalereien der Fremdsprache nicht kennt. Sonst würde er höchstwahrscheinlich nicht genau die gleiche Klangsymbolik verwenden wollen wie ein Mensch mit einer ganz anderen Geschichte. Auf diese Weise werden Gestaltungsklischees gebildet, die sich durch den massenmedialen Erfolg bis in den letzten Winkel der Erde verbreiten. Denn ob englischsprachige Popularmusik nun von einem Deutschen, einem Inder, einem Mexikaner oder einem Russen nicht verstanden wird, ist der Massenindustrie gleichgültig. Tatsache ist, dass sie sich in all diesen Ländern bestens verkauft (vgl. Flender/Rauhe 55-60).

 

Identität und künstlerischer Ausdruck

 

Musik ist mit der Gesamtheit menschlicher Kultur so eng verwoben, dass es ein Kunststück wäre, sich musikalisch auszudrücken, ohne dadurch eine Fülle an Informationen über seine kulturelle und menschliche Prägung zu offenbaren. Im Zeitalter der Weltmusik stehen dem einzelnen Musiker nun theoretisch beliebig viele Musikstile zur Verfügung, in denen er sich einhören und ausdrücken kann. Musiken fremder Kulturkreise und längst vergangener Epochen können an jedem beliebigen Ort der Welt aufgeführt und angehört werden. Musikstile, deren Originalklang live oder auf Tonträger hörbar ist, können analysiert und ihre akustischen Parameter imitiert werden. Musikformen, die älter sind als unsere akustischen Reproduktionsverfahren, erschließen sich uns durch stabile mündliche Traditionen oder Zeichensysteme mit einer ununterbrochenen Interpretationstradition.

 

Je mehr Virtuosität, Kreativität und kulturelle Erfahrung ein Musiker besitzt, desto stärker können die stilistischen Parameter variieren, die er beim Musizieren umsetzen kann. Jedoch ändert sich seine Identität nicht, egal aus welcher Epoche und aus welchem Winkel der Erde sein musikalisches Material stammt. Die persönliche Lebensgeschichte des Musikers, die Geschichte seiner Familie, seines Volkes und der Kultur, die sein ästhetisches Empfinden und seine Weltanschauung geprägt haben, bleiben unauswechselbar. Die metaphysische Dimension eines Musikkunstwerkes oder eines Musikstils wird also im Originalkontext eine andere sein als dort, wo ein Kontextfremder ihre materielle Substanz imitiert, eklektisch in seinen Stil einbaut oder auf eigene Weise interpretiert.

 

Dasselbe gilt natürlich auch für kontextfremde Musikrezipienten. Deshalb beschränkt sich eine derartige Verfügbarkeit der Musikstile auf oberflächliche Parameter wie Tonmaterial, Tonalität, motivische Arbeit, Rhythmik, Melodik, Dynamik, Instrumentierung und dergleichen. Musikstücke und Spielweisen besitzen zwar solche greifbaren Stilmerkmale. Aber zum Kunstwerk werden sie erst dadurch, dass sie in verschlüsselter oder sublimierter Form von einer ideellen Wirklichkeit (König 11) zeugen. Diese hat immer etwas mit der menschlichen Identität des Autors oder Interpreten zu tun. Jeder Versuch, menschliche Identität kopierbar und verfügbar zu machen, muss kläglich scheitern.

 

Muttersprachliche Identität beim Singen

 

Instrumentalisten können heute auf den unterschiedlichsten kulturfremden Klangkörpern musizieren und dadurch auf physische Substanzen zurückgreifen, die nicht unter den Bedingungen ihrer Zeit und ihres Raumes geformt wurden. Die physische Substanz, mit der ein Sänger arbeitet – sein eigener Körper –, ist jedoch immer von denselben Genen und unter denselben Bedingungen 8 geformt worden, unter welchen sein Selbst und damit sein künstlerischer Ausdruckswille sich entfalteten. Vor allem aber wird der Ausdruck des Sängers im Gegensatz zum Instrumentalisten wesentlich von einem außermusikalischen Phänomen getragen: Die Lautvariationen, in denen er singt, sind in den allermeisten Fällen nicht nur Klangfarben sondern kodierte Sinnträger. Der Scat-Gesang, bei dem Silben ohne erkennbaren Sinn aneinander gereiht werden, geht auf afrikanische Kultmusik zurück (Harenberg, 2652) und stellt in der europäischen Musikgeschichte ein Randphänomen dar.

 

Wer Text singt, arbeitet mit rationalen Deutungen des Menschseins, die im Zeichensystem eines eingrenzbaren Kulturraumes an einem bestimmten Ort und zu einer bestimmten Zeit formuliert wurden. So stehen dem Sänger neben zahlreichen musikalischen Parametern zusätzlich unzählige Möglichkeiten des sprachlichen Ausdrucks zur Auswahl. Er kann Texte mit unterschiedlichsten Inhalten singen. Er kann diese Inhalte wiederum theoretisch in den unterschiedlichsten Sprachen und Dialekten singen. Die persönliche Identität des Sängers wurde aber nur von einem oder zwei und nur in Ausnahmefällen von mehreren Sprach- und Kulturkreisen geprägt. Auch wenn er in einem Schmelztiegel der Kulturen groß wurde, so bleibt seine Prägung dennoch individuell.

 

Heterogenität und Vielschichtigkeit eines Kulturkreises ändern nichts an der Tatsache, dass ein Mensch auch dort durch ein ganz bestimmtes Weltbild geprägt wird. Ein identitätsstiftender Bezug zur Muttersprache besteht nicht nur durch eine starke emotionale Bindung und eine meist hohe Kompetenz in der Grammatik und Semantik einer Sprache. Sondern man erreicht in der Muttersprache in der Regel einen Grad orthoepischer Sicherheit, der in der Zweit- oder Fremdsprache selten erreicht wird. Für Gesang, Schauspiel und künstlerische Textrezitation sind hier vor allem die bedeutungstragenden Elemente der Orthoepik von Bedeutung: Prosodie, Onomatopoesie und Intonation. > weiter

 

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